Vor 70 Jahren – die Novemberpogrome 1938 in Deutschland

Vor 70 Jahren fanden in ganz Deutschland gewalttätige Ausschreitungen gegen jüdische Deutsche statt. Sie waren von der NS-Staatsführung initiiert und organisiert, propagandistisch inszeniert als angeblich „spontaner Ausbruch des Volkszornes“. Zahlreiche NS-Aktivisten lebten in diesen Tagen öffentlich und ungebremst ihren Sadismus an wehrlosen Menschen aus und setzten ihre Gewaltphantasien in Realität um. Etwa 1.500 jüdische Deutsche verloren im Verlaufe der Novemberpogrome ihr Leben.

Schüsse in Paris als Vorwand
Als Vorwand und willkommene Rechtfertigung für bereits anvisierte Pogrome nahm die NS-Führung die Schüsse des 17-jährigen Herschel Grünspan auf den 29-jährigen Legationssekretär der Deutschen Botschaft in Paris Ernst vom Rath, bzw. dessen Tod zwei Tage später am 9. November 1938. Herschel Grünspan stammte aus Hannover, war wegen der NS-Verfolgung zu Verwandten in Paris geflohen, wo er sich illegal aufhielt. Wenige Tage zuvor hatte er erfahren, dass seine Eltern und seine Schwester in Hannover gemeinsam mit anderen Juden, die die polnische Staatsangehörigkeit hatten - insgesamt waren es 17.000 - ausgewiesen worden waren. Allerdings liegen auch deutliche Hinweise vor, dass es sich um eine Beziehungstat aus einem homosexuellen Verhältnis dieser beiden handelte.

Insbesondere in und um Kassel kam es bereits am 7. und 8. November zu antijüdischen Ausschreitungen, die von den NSDAP-Gauleitung gesteuert waren. Reichsweit begannen die staatlich organisierten terroristischen Aktionen in den frühen Morgenstunden des 10. November und erstrecken sich auf diesen Tag.

Zerstörung von mehr als 1.500 jüdischen Gotteshäusern
Jüdische Gotteshäuser wurden am 10. November 1938 von organisierten Männern der SA, der SS, von NSDAP-Mitgliedern sowie von HJ-Führern und HJ-Jugendlichen - in Zivil getarnt - entweiht, geschändet, die Inneneinrichtungen der Synagogen zerschlagen und zerstörten die Gebäude durch Brandlegung bis auf die Außenmauern. Die Feuerwehr löschte die Brände nicht, sondern verhinderte lediglich das Übergreifen des Feuers auf Nachbargebäude. Mehr als eintausendfünfhundert jüdische Gotteshäuser wurden an diesem 10. November 1938 zerstört.
Jahrelang wurde fälschlicherweise immer wieder die Zahl von 267 zerstörten Synagogen verbreitet.

Zerstörung und Plünderung von Geschäften jüdischer Inhaber
Mehrere Tausend Geschäfte und Betriebe jüdischer Inhaber wurden durch Zerstörung der Schaufensterscheiben, der Inneneinrichtung beschädigt und geplündert. An den Plünderungen beteiligten sich auch Personen, die nicht zu den NS-Terrorkommandos gehörten.

Gewalttätige Ausschreitungen gegen jüdische Familien
Jüdische Familien wurden in ihren Wohnungen überfallen und gedemütigt, die Wohnungs-Einrichtungen zerschlagen und die Menschen völlig verängstigt. Häufig kam es dabei auch zu Misshandlungen wehrloser Menschen. Aus manchen kleineren Orten wurden die jüdischen Bewohner auch brutal herausgeprügelt.
Manchmal gelang es, hilfsbereiten nichtjüdischen Mitbewohnern in Mietshäusern die Schlägertrupps mit falschen Auskünften zu täuschen und so einige Familien zu verschonen. Nicht selten standen aber auch hilfreiche Nachbarn nach den Ausschreitungen den Verfolgten zur Seite. Vielfach waren sie aber in ihrer Not ganz auf sich allein gestellt.
Mindestens hundert jüdische Menschen wurden direkt bei den Ausschreitungen getötet, andere nahmen sich aus Verzweiflung das Leben.
Jüdische Einrichtungen wie Internate oder Kureinrichtungen wurden auch angegriffen, die Bewohner gedemütigt, die Einrichtungen zerstört.

Verhaftung der jüdischen Männer und Verschleppung in KZs
In diesen Novembertagen wurden etwa 30.000 jüdische Männer verhaftet. Viele versuchten auch diesen Verhaftungen zu entgehen, flüchteten vorübergehend in die Wälder, fuhren ziellos umher, konnten bei nichtjüdischen Freunden unterkommen oder flüchteten zu Verwandten in andere Orte, da sie dachten, dort sicher zu sein. Sie konnten zu dieser Zeit noch nicht erkennen, dass es sich nicht um eine lokale sondern um eine umfassende Verfolgung handelte.
In Frankfurt am Main dauerte diese Jagd auf jüdische Männer fast eine ganze Woche an.
Bei den Verhaftungen wurden die jüdischen Männer in den Haftstätten häufig erniedrigenden Ritualen und Verhöhnungen ausgesetzt. Nach einigen Tagen wurden sie in die KZs Buchenwald bei Weimar, Dachau bei München oder Sachsenhausen bei Berlin verschleppt. Dort lebten sie unter katastrophalen Umständen, viele Männer zerbrachen seelisch daran. Die Frauen und Kinder wussten oft nicht, wo ihre Ehemänner und Väter waren und suchten verzweifelt, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Einigen Männern wurde in den KZs auch systematisch ihr Besitz an Firmen oder Grundstücken abgepresst. Mehrere hundert kamen in diesen Wochen in den KZs zu Tode. Die meisten wurden nach einigen Wochen entlassen mit der Auflage, Deutschland zu verlassen.

  Zerstörung jüdischer Friedhöfe
Jüdische Friedhöfe wurden sehr häufig entweiht und geschändet, Grabsteine umgeworfen und zerstört. Dabei wurden auch frische Gräber wurden unter Umständen nicht verschont.

Reaktionen der „übrigen“ Bevölkerung
Das brutale zerstörerische Vorgehen der NS-Aktivisten rief in der „übrigen“ Bevölkerung mehrheitlich wohl eher Ablehnung hervor in Kombination mit Passivität. „Die Ablehnung“ – so die Einschätzung des Historikers Peter Longerich – „war insbesondere zu spüren in katholischen Kreisen (wo man sich als potentielles Opfer des NS-Terror wähnte), unter Arbeitern sowie in bürgerlichen Schichten, die dem ‚Radau-Antisemitismus‘ traditionell ablehnend gegenüberstanden.“
[Politik der Vernichtung, S. 205]


Bereicherung des NS-Staates und Ausplünderung jüdischer Deutscher
Die Schäden der Ausschreitungen gegen jüdische Deutsche betrugen mehr als 45 Millionen Reichsmark. Der NS-Staat beschlagnahmte diese Versicherungsleistungen. Außerdem erzwang er von den jüdischen Deutschen, die einige Monate zuvor ihr Vermögen ab 5.000 RM hatten offenlegen müssen, in den folgenden Monaten noch Sonderzahlungen in Höhe eines Viertel ihres persönlichen Vermögens. Das war insgesamt mehr als 1 Milliarde Reichsmark.

Erlass weiterer antijüdischer Gesetze
Ihre Geschäftsbetriebe mussten die jüdischen Inhaber „unter Preis“ verkaufen oder schließen. Die Existenznot vergrößerte sich, da viele bereits in den zurückliegenden Jahren wegen der zurückgehenden Kundenzahlen von der Substanz ihres Geschäftes hatten leben müssen. Die Öffentliche Fürsorge schloss jüdische Bedürftige aus.
Nach dem Novemberpogrom wurde der Besuch öffentlicher Schulen für jüdische Kinder verboten. Das betraf insbesondere auch christliche Kinder, die von den „Nazis“ als jüdisch klassifiziert worden waren.

Zuflucht in die Großstädte
Nach den brutalen Überfällen in ihren Heimatorten, zogen viele jüdische Familien in die Großstädte und suchten dort Zuflucht. Für Kinder und Jugendliche schaffte die jüdische Selbsthilfe Unterrichts- und Ausbildungsmöglichkeiten.

Rettende Kindertransporte aus Nazi-Deutschland
Nach den Berichten in der ausländischen Presse für die ungeheuerlichen Vorgänge bildeten sich insbesondere in Großbritannien Hilfskomitees, die versuchten, Kinder und Jugendliche aus Nazi-Deutschland herauszubringen.

Verzweifelte Suche nach Auswanderungsmöglichkeit
Unmittelbar nach den gewalttätigen Vorgängen der Novemberpogrome entschlossen sich zahlreiche jüdische Menschen, Nazi-Deutschland zu verlassen. Doch war dies nur unter erschwerten Bedingungen möglich: es musste ein Land gefunden werden, dass ein Visa zur Aufnahme von Flüchtlingen erteilte. Einige Monate zuvor hatte auf Initiative des amerikanischen Präsidenten eine internationale Konferenz in Evian stattgefunden, auf der 32 Staaten darüber beraten hatten, wie die Möglichkeiten jüdischer Flüchtlinge verbessert werden könnten. Die meisten Staaten lehnten besondere Möglichkeiten ab, die internationale Staatengemeinschaft hatte versagt. Für viele der Verfolgten begann ein jahrelanger verzweifelter Prozess der Suche nach Auswanderungs- möglichkeiten. Viele Auswanderungen scheiterten.

"Anfang vom Ende"
Die Novemberpogrome 1938 waren für die jüdischen Deutschen das Schlimmste was sie seit Beginn der NS-Diktatur erlebt hatten und übertraf alle Vorstellungen. Aus der heutigen Perspektive über die weitere Entwicklung, stellen sich die Novemberpogrome als „Anfang vom Ende“ dar. Die reichsweiten gewaltsamen Verschleppungen in Ghettos und Vernichtungslager in den von Deutschland besetzten Gebieten begannen Mitte Oktober 1941.

Monica Kingreen
Fritz-Bauer-Institut

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