Gedenkläuten 9. November 2011

Auch in diesem Jahr wollen wir das Netzwerk 'Gedenkläuten' anlässlich der Ereignisse der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wieder aktivieren. Wir greifen damit eine Initiative von Professor Meir Schwarz, Leiter des Ashkenaz House / Synagogues Memorial in Jerusalem, auf. Als Kind hatte er mit seiner Familie den Terror der Nationalsozialisten erlebt; sein Vater wurde ermordet. Seine Hoffnung, die christlichen Kirchen würden gegen das Unrecht protestieren, erfüllte sich damals nicht. 70 Jahre danach - am 9. November 2008 - läuteten christliche Kirchen und Gemeinden zum ersten Mal in unserem Land zur Erinnerung und zur Mahnung. Wir hoffen auch in diesem Jahr auf die Bereitschaft vieler Christen, in ihren Gemeinden dieses eindringliche Zeichen zu setzen.

Wie in den letzten Jahren ist das Gedenkläuten für den 9. November vorgesehen, je nach örtlicher Tradition und Möglichkeit. Günstig wäre der Zeitraum zwischen 17.00 und 18.00 Uhr. Es hat sich an vielen Orten eine gute Praxis der Verbindung des Läutens mit Gebet, Stille, Gottesdienst und / oder einer Info-Veranstaltung entwickelt. Selbstverständlich sollte das Gedenkläuten an die Gegebenheiten der jeweiligen Gemeinde angepasst werden. Auch können sich die beteiligten Gemeinden wieder auf dieser Website eintragen.

Dr. Herbert Poensgen Die Schwestern des Karmel Regina Martyrum Berlin

www.karmel-berlin.de




Sehr geehrte Damen und Herren,

ich kann mich gut an den lauen Abend im November des vergangenen Jahres erinnern. Wie zu jedem Jahr waren Offizielle, Vertreter des israelischen Staates sowie der Botschaften Deutschlands und Österreichs im Garten der Konrad-Adenauer-Stiftung versammelt. Im Hintergrund eröffnete sich der imposante Blick auf die Quadern der Stadtmauer, die die Jerusalemer Stadtmauer umschließen. Die Redner erinnerten an das Unrecht, dass den deutschen Juden vor genau 70 Jahren in der Nacht auf den 10. November des Jahres 1938 angetan wurde. Es wurde dem Ende des deutsch-jüdischen Kulturerbes gedacht, dass in fast 1000jähriger Geschichte gemeinsamer, wechselhafter Co-Existenz wachsen konnte, in wenigen Stunden mit dem Novemberpogrom ein jähes Ende fand. Es wurde gedacht den vielen wertvollen Menschenleben, die in dieser Nacht und bald darauf starben.

In der Tat, es sind viele Jahre vergangen. Doch das Unrecht bleibt Unrecht, zeitlos – die Erinnerung an zerbrochene Fensterscheiben auf dem Bürgersteig, die verbrennenden Thorarollen auf dem Asphalt sind im kollektiven Gedächtnis – und sie sind Teil deutscher Nachkriegskultur.

Einige Redner der letztjährigen Veranstaltung ermahnten: Dauerhafte Erinnerungskultur braucht markante Riten und klare Zeichen. Ein Zeichen war das Glockenläuten der Kirchen in Deutschland, an dem sich 700 Kirchen aller Konfessionen beteiligten. Aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in Israel: Die Auguste-Victoria-Himmelfahrtskirche und die Erlöserkirche fielen einem Botschafter ins Wort, unterbrachen die Sätze, die gerade vom Glockenläuten in Deutschland berichteten. Das Zeichen wurde in die Welt hinaus getragen und mit der unterbrochenen Rede im Garten der Konrad-Adenauer-Stiftung live im israelischen Fernsehen übertragen.

Wäre es zum Holocaust gekommen, wenn mutige Glocken gegen das Unrecht geläutet hätten? Hätte sich die Entwicklung zum Schlimmsten vermeiden lassen können, wenn bereits ab 1933 ein Zeichen gegen den fehlenden Willen, die Rechte der jüdischen Bürger zu schützen, gesetzt worden wäre? Das Läuten der Glocken im vergangenen Jahr war ein Zeichen gegen die drohende Kultur des Vergessens, lauter als die Stimmen der Leugner und Verdränger. Viele Zeitungsberichte in Deutschland und im Ausland bezeugen, dass die Resonanz überwältigend war.
Angesichts des großen Erfolges will ich dazu anregen: Setzen Sie auch dieses Jahr mit dem Läuten der Glocken ein Zeichen.

Prof. Meir Schwarz
Ashkenaz House /Synagogues Memorial
Jerusalem im September 2009





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Dokumentation | Auswertung

Es war jene Begegnung mit Professor Meir Schwarz im April 2008, die sich in meinen Gedanken und Gefühlen festgesetzt hat. Da empfängt uns ein 82jähriger Mann, der vor Ideen sprüht, dem man anmerkt, dass er noch einiges auf den Weg bringen muss. Da empfängt uns ein Mann, dessen Biographie ach so eng mit jener unserer Väter und Großväter verknüpft ist, in dem Sinn, dass er von diesen Generationen zum Opfer gemacht wurde....

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Dr. Herbert Poensgen




In den Novemberpogromen von 1938 brannten in ganz Deutschland mehr als 1500 Synagogen. Von 1933 bis 39 wurden ca. 6000 Jüdinnen und Juden Opfer der Nazis. Öffentlicher Protest dagegen regte sich kaum. Wer weiß, wäre es zu den 6 Millionen jüdischen Opfern gekommen, wenn der Protest bei den 6000 größer gewesen? Wäre es zu den brennenden Öfen der Krematorien in den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Majdanek gekommen, hätte es einen hörbaren Aufschrei gegeben bei den brennenden Synagogen in Nürnberg, Essen, Frankfurt und all den anderen Städten?
Am 9., 10. und 11. November 1938 läuteten die Glocken von Deutschlands Kirchen wie an jedem Tag. Für ein deutliches Zeichen gegen das Unrecht, das häufig nur ein paar Straßen weiter geschah, fehlte der Mut, die Kraft, oft der Wille.

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1938 klanglos – 2008 ?

Christliche Gemeinden aller Konfessionen sind eingeladen, anläßlich des 70. Jahrestages der Ereignisse der Reichspogromnacht, am Sonntag, den 9.11.2008 um 17.00 Uhr für 15 Minuten die Glocken zu läuten, um ein öffentliches Zeichen der Erinnerung, des Gedenkens und der Mahnung zu setzen. Es ist der Aufruf zum Innehalten und Nachdenken über das, was damals in Deutschland geschehen konnte und wozu das Schweigen des Großteils der Bevölkerung und auch der Kirchen geführt hat. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Gemeinden vor Ort im Rahmen des Gedenk-Läutens über das jüdische Leben in ihrer Stadt und Gemeinde informieren und das Gedenk-Läuten auch zu einer Betrachtung in den Kirchen, einem Gebet oder einem stillen Gedenken nutzen würden.
Das Gedenk-Läuten geht auf eine Idee von Prof. Meir Schwarz, dem Leiter des Ashkenaz House [Synagogue Memorial] in Jerusalem zurück.






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